Autor*innen 2022

Die Lesezeiten der jeweiligen Autorinnen und Autoren entnehmen Sie bitte dem Programm.

 

Benjamin Berton (Frankreich); Julia Deck (Frankreich); Doris Dörrie (Deutschland); Tomás González Kolumbien; Luke Haines Grossbritannien; Christoph Höhtker (Deutschland); Barbara Hundegger (Österreich) ; Kim Hye-jin (Südkorea); Boris Kerenski (Deutschland) ; Ana Marwan (Österreich); Hanspeter Müller-Drossaart (Schweiz); Andreas Niedermann (Schweiz); Paul Renner (Österreich); Edgar Selge (Detschland); Lea Streisand (Deutschland); Paulina Stulin (Deutschland)


Benjamin Berton

Benjamin Berton © Stéphane Duarte
Benjamin Berton © Stéphane Duarte

Lebt in Le Mans

 

«Musik und Literatur sind über Momente des Klangs, der Stimme, des Rhyth- mus, mithin über die akustische und die zeitliche Entfaltungsdimension mitein- ander verwandt», schreibt Johannes

Odendahl. Um das zu zeigen, erfahrbar zu machen, haben wir neuerdings einen speziellen Programmpunkt, der Bezüge zu anderen Kunstrichtungen herstellt (früher gab es bei Sprachsalz die «Überraschungslesung»). Benjamin Berton passt als Autor für diese neue Festival-Schiene. Zwar ist er selbst nicht als Musiker tätig, dennoch als Musik-Kritiker eng mit diesem Fach verbunden. Nachdem ich den Debütroman «Wildlinge» gelesen hatte – übrigens mit dem renommierten Prix Goncourt ausge- zeichnet – wollte ich mehr. «Ein mit allen Wassern gewaschener Autor, der sich in seinem ersten Roman an Themen heranwagt, die die deutschsprachige Literatur meist ausspart». Kurze Zeit später hielt ich seine letzte Arbeit, das Buch «Dreamworld oder vom fabelhaften Leben des Dan Treacy und seiner Band Tele- vision Personalities» in Händen und noch nicht mal die Hälfte gelesen, war mir klar: Der Autor muss zu SPRACHSALZ: Ein Buch, das provoziert, da es die Gattungskonventionen einer Biografie ziemlich ignoriert. Zum Beispiel: Anstatt einer präzisen Quellen- angabe, an exakt welchem Tag der junge Daniel seinen Job bei Led Zeppelins Plattenlabel aufnimmt, malt sich Berton lieber aus, wie Jimmy Page seinen Tee trinkt. Imagination statt Fakten. Toll! Ein Buch über einen hauptberuflichen Eskapisten, in welchem aus Respekt vor der Hauptfigur mit einer eleganten Flucht vor der Wirklichkeit gearbeitet wird. Literatur, die vom Swinging London erzählt, von Pop Art berichtet und das alles im Weitwinkel der Kindheitsverklärung und einer Sozialkritik.

 

HDH

 

Bücher: «Dreamwold» 2021 Ventil Verlag; «The Floating City» 2021 Hiver Nucléaire; «AM POOL» Roman 2006; «Wildlinge» Roman 2005 Übersetzer, beide übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel DuMont Verlag; «Foudres de guerre» 2007 Gallimard; «Alain Delon est une star au Japon» 2009 Hachette

www.sunburnsout.com/author/benjamin/

 


Julia Deck

Julia Deck © Hélène Bamberger
Julia Deck © Hélène Bamberger

Lebt in Paris

 

Schlamassel. Schafsmilchjoghurt. Schloss (auf dem eine Ex-Miss Provence-Alpes-Côte d’Azur residiert, die sich, ach ja, dem Weltfrieden widmet). Auf eine solche Reihung muss man erst einmal kommen. Der Pariserin Julia Deck gelingt das. Leichthändig. Hochlöblich. Wie, einmal hat die Literaturkritik denn doch Recht, hochgelobt.

Ihre höflichen Romane – höflich: weil alle höflich schmal – sind famos. Vielleicht, weil Julia Deck ihr erstes Buch erst mit 39 Jahren veröffentlichte. So kommt «Privateigentum», ein blendend ironischer Roman, wie ein Tiny House daher: alles süß und schnuckelig und, wie es auf Plapperstehpartys so gern heißt, irgendwie aufs Wesentliche reduziert. Nur kippt dann alles subtil in eine David Lynch-Atmosphäre um. Und «Viviane Élisabeth Fauvielle»? Nur an der Oberfläche ein Kriminalfall – denn hat die Patientin nun ihren Therapeuten erstochen oder nicht? Wieso aber verwirren uns gleich fünf unterschiedliche Erzählperspektiven? Und wieso habe ich erst am Ende bemerkt, wie straff das ganze Erzähltrampolin gezogen ist, so dass man wie die Romanfiguren bloß nicht abstürzen mag? Julia Deck ist eine hinreißende, mokante, unterhaltsame Beobachterin der unordentlichen Bizarrerien des Bürgertums.

 

AK

 

Bücher: «Nationaldenkmal» 2022 übersetzt von Sina de Malafosse; «Privateigentum» 2020 übersetzt von Antje Peters; «Winterdreieck» 2016 übersetzt von Antje Peters; «Viviane Élisabeth Fauvielle» 2013 übersetzt von Anne Weber, alle Wagenbach


Doris Dörrie

Doris Doerrie@Constantin Film Verleih GmbH/Dieter Mayr
Doris Doerrie@Constantin Film Verleih GmbH/Dieter Mayr

Lebt in München

 

ine Freude für das gesamte Team, dass diese Autorin zugesagt hat. Im Gepäck ihr neues Buch «Die Heldin reist» und den neuesten Film «Freibad», der seit 1. September in den Kinos zu

sehen ist. Sie besticht durch ihren Blick für spannende Stoffe und außergewöhnliche Figurenkonstellationen. Ihre Arbeiten lassen Unerhörtes anklingen und führen zu Wieder- entdeckungen, welche über das persönliche Befinden der Erinnernden hinausweisen.

Eine Erinnerungskünstlerin von Format ist sie, eine mit feinem Humor gesegnete Erzählerin. Im neuen Buch wird von drei Reisen berichtet. Drei Orte, San Francisco, Kyoto, Marrakesch (wobei mich San Francisco und Kyoto besonders angesprochen haben, verbinden mich doch mit beiden Orten persönliche Geschichten und Begegnungen). Und mit dem Begriff der Heldenreise, der immer wieder im Buch auftaucht, flicht sie das Handwerkszeug zur perfekten Erzählung ein; bereits im Buch «Leben, schreiben, atmen» hat sie Empfehlungen zum Schreiben gegeben. Zitat: «Immer wieder erlebe ich, welche enorme Ermächtigung es bedeutet, sich dem eigenen Leben schreibend zu nähern.» Jede persönliche Geschichte ist erzählenswert. Und wer – wie so viele der großartigen Autor*- innen – am eigenen Leben entlangschreibt, erfährt sozusagen am eigenen Leben, wie Erinnerungen sich verändern und wie Erinnerungen wandern. Kommen Sie zu Sprachsalz und erleben Sie Doris Dörrie live.

 

HDH

 

Bücher:

«Die Heldin reist» 2022; «Leben, schreiben, atmen» 2019; «Alles Inklusive» Roman 2011; «Kirschblüten Hanami» Filmbuch 2008; «Das blaue Kleid» Roman 2002; «Der Mann meiner Träume» Erzählung 1992; «Und was wird aus mir?» Roman 1973, alle Diogenes Verlag


Tomás González

Tomás González, © Juan Carlos Sierra
Tomás González, © Juan Carlos Sierra

Lebt am und auf dem Stausee Guatapé bei Medellín

 

Große Passionen und starker Schmerz. Verderben und Hoffnung. Untergehen und Lebenslust. Große Themen! Die der kolumbianische Schriftsteller

Tomás González, inzwischen weit über

die schale Kategorie «Geheimtipp» hinausgewachsen, kunstvoll bewältigt.

Seine Figuren? Außenseiterinnen und Gangster, Künstler und wortkarge Seglerinnen. Und Dickschädel. González, von Kundigen zum Literatur-Nachfolger von Gabriel Garciá Márquez erhoben, unterscheidet Karl-Markus Gauß zufolge eines von den magischen Realisten Lateinamerikas: «seine konsequente Weigerung, der ... allgegenwärtigen Gewalt seinen literarischen Tribut abzustatten. Die Gewalt ist der Hintergrund aller seiner Romane, aber er spielt sie weder in schauerlichen Etüden noch in genüsslichen Episoden aus.»

Nach 16 Jahren in den USA lebt Tomás González, das «best- gehütete Geheimnis der kolumbianischen Literatur» (FAZ), wieder seit 20 Jahren in Kolumbien. Dazwischen war er als studierter Philosoph Barkeeper in einer Disco in Bogotá, Fahrradmonteur in Miami, Übersetzer und Journalist in New York. So tief auch seine Helden, Anti-Helden, Un-Helden sinken mögen, in welche Düsternis sie das Leben wickelt, sie alle behalten bei González etwas, was sie aufrechterhält, etwas, was die Welt lebenswert macht – Würde, inneres Strahlen.

 

AK

 

Bücher: «Die stachelige Schönheit der Welt» übersetzt von Peter Schultze- Kraft u. a. 2021; «Mangroven» Gedichte übersetzt von Karina Theurer, Peter Schultze-Kraft und Gert Loschütz 2015; «Die versandete Zeit» Roman übersetzt von Richard Gross und Peter Schultze-Kraft 2010; «Carola Dicksons unendliche Reise. Drei Leben» übersetzt von Gert Loschütz, Peter Stamm und Peter-Schultze-Kraft 2007, alle edition 8


Luke Haines

Luke Haines © Haines
Luke Haines © Haines

Lebt in London

 

Im Juli 2001 rief Luke Haines zum «ersten Popstreik» auf. Eine ganze Woche lang, so forderte er kühn, sollten alle Musikant*innen, Grammos und Jukeboxes schweigen. Er hoffte, dass

das Panorama der Schweigenden von Nick Cave über Vanessa Mae bis – posthum, versteht sich – Arnold Schoenberg reichen würde. Denn: nur in der «totalen asketischen Stille» gehe es an, unsere Popkultur von Grund auf neu zu überdenken. Natürlich folgte niemand seinem Aufruf. Am wenigsten er selbst: am ersten Streiktag, dem 2. Juli, erschien sein erstes Solo-Album, «The Oliver Twist Manifesto». Kein Zweifel: Luke Haines ist ein Vogel mit vielen bunten Federn. Dem musikliebenden Publikum fiel er in den späten Eighties als Teil der feinen Servants erstmals auf, ehe er als Kopf von «The Auteurs» von den britischen Medien als «the next big thing» abgefeiert wurde. Ganz so «big» wurde die Band leider dann doch nicht, aber immerhin «big enough», dass der Künstler seither für all seine lässig-bösen Abenteuer auf ein eingeschworenes Gourmet-Publikum zählen kann. Es gehören dazu nebst 16 Solo-Alben die Bands «Baader Meinhof» und «Black Box Recorder», das Konzeptalbum «The North Sea Scrolls» mit Cathal Coughlan und Andrew Muller, sowie seine neueste Kollaboration mit Ex-R.E.M.-Gitarrist Peter Buck, deren zweites Album «All The Kids Are Super Bummed Out» im Herbst erscheint. Selbstverständlich schreibt Luke auch Bücher, zum Beispiel «Bad Vibes: Britpop und der ganze Scheiss». Bei Sprachsalz wird er sich mit Hanspeter Künzler über den Zustand der heutigen (Pop-)Welt echauffieren, aus seinen Büchern lesen und auch einige Lieder kredenzen.

 

HPK

 

Bücher: «Bad Vibes - Britpop und der ganze Scheiß» 2010 Heine; «Post Everything: Outsider Rock and Roll» 2011 Windmill; CD ́s: «Setting the Dogs on the Post Punk Postman» 2021; «British Nuclear Bunkers» 2015 beide Cherry Red Records; «Adventures in Dementia» 2015 Outsider Music


Barbara Hundegger

Barbara Hundegger © Aichner
Barbara Hundegger © Aichner

Lebt in Innsbruck

 

Wer an die in Hall geborene Barbara Hundegger denkt, denkt als erstes an Lyrik. Sechs Gedichtbände hat sie in den vergangenen 20 Jahren veröffentlicht und eine beeindruckende Vielseitigkeit an Themen gezeigt. Es ist beispielsweise die Aus- einandersetzung mit dem Tiroler Kartografen Peter Anich in «[anich.atmosphären.atlas]», die Suche nach dem «poetischen Dialog» mit Dante Alighieris «Purgatorio» in «wie ein mensch der umdrɘht geht» oder die Auseinandersetzung «mit [den] inneren und äußeren Seiten des Schreibens» in «schreiben-nicht- schreiben» zu finden.

Wie im letztgenannten Gedichtband beschäftigt sich Bahu – die sich eindeutig als politische Poetin positioniert – auch außerhalb ihrer Kunst mit der prekären Situation der Kunstschaffenden, speziell der Schreibenden. Der Fakt, dass dabei Schrift- stellerinnen nochmals schlechter gestellt werden als ihre männlichen Kollegen, wird immer wieder angesprochen, so auch in ihrer Rede zur Verleihung des Tiroler Landespreises für Kunst 2020. Zum Abschluss möchte ich Daniela Strigl zitieren, die ein Mitglied der Jury des Österreichischen Kunstpreises für Literatur war, den Barbara Hundegger 2021 verliehen bekam: «Sie schreibt mit einer imponierenden Lässigkeit, Gedichte, die zugleich handfest sind und subtil, zupackend und zart.»

 

BS

 

Bücher: «[anich.atmosphären.atlas]» 2019 Haymon-Verlag; «wie ein mensch der umdrɘht geht. Dantes Läuterungen reloaded.» 2014 Haymon-Verlag; «schreiben-nichtschreiben» 2002 Skarabaeus Verlag

www.bahu.at


Kim Hye-jin

Kim Hye-jin ⓒ Lee Hae-soo
Kim Hye-jin ⓒ Lee Hae-soo

Lebt in Seoul

 

Sogenannte Befindlichkeits-Romane sind bei den Verlagen – und wahrscheinlich den Leser*innen – momentan hoch in Mode. Bücher und Prospekte mit diesem Thema verstopfen in letzter Zeit

mein Sprachsalz-Postfach. Und dazu die Überschriften in den Verlags-Vorschauen, deren verkaufsfördernde Lobhudeleien allzu offensichtlich klingen. Aber dann ... urplötzlich ... dieses Buch, dieser schmale Roman. Das ist es, lässt alles andere im Schatten stehen. Die Geschichte einer Frau, deren Weltbild angesichts des Lebensentwurfs ihrer Tochter aus den Fugen gerät. Unterschiedliche Werte- und Moralvorstellungen einer lesbischen Frau und einer traditionsbewussten, allerdings lernfähigen Mutter, Pflegerin im Altenheim. Ein stilistisch brillanter Roman über Jugendwahn, Homosexualität, den Zu- sammenprall der Lebenswelten, das Bröckeln des Generationenvertrags. Subtil, philosophisch und mit vielsagendem offe-nem Ende. Kim Hye-jin ist eine stilistisch brillante Chronistin koreanischer Widersprüche. Ihr Roman «Die Tochter» (aus dem sie in Hall lesen wird) ist zugleich Kammerspiel einer Mutter- Tochter-Beziehung und schillernder Gesellschaftsspiegel, war in der FAZ zu lesen. Und diese literarische Entdeckung mit ihrem «brisanten und wichtigen Buch» (NDR Kultur) haben wir für unser Publikum geholt. Wenn Sie nur halb so begeistert sein werden wie ich, sind Sie voll und ganz begeistert. Nicht entgehen lassen!

 

HDH

 

Bücher: «Die Tochter» Roman 2022 Hanser Berlin übersetzt von Ki-Hyang Lee.


Christoph Höhtker

christoph_höhtker©alexandra sonntag
christoph_höhtker©alexandra sonntag

Lebt in Genf

 

Frank Schulz bezeichnete Christoph Höhtkers Zielgruppe als «smarte Lustleserschaft» und gab dann gleich zu, dass diese Definition «etwas verwackelt» sei. Schwierig ist es mit der Einordnung seiner Bücher allemal. So gibt es einerseits eine gewisse Nähe zur Popliteratur eines Christian Kracht und andererseits winkt der soziologische Roman eines Michel Houellebecq ums Eck. Selbst spricht Christoph Höhtker von einem «zerklüfteten Œuvre» und meinte zu seinem letzten Roman: «In Schlachthof und Ordnung geht es um ca. 7000 Dinge. Deshalb ist eine Inhaltsangabe vollkommen sinnlos.» Wer auch immer die oben genannte Leserschaft ist, sie dürfte – so interpretiere ich die große Menge an Rezensionen seiner Bücher in überregionalen Feuilletons – einen ordentlichen Anteil an Literaturkritiker*innen beinhalten. Dass diese Rezen-sionen oft positiv ausfallen, manifestierte sich auch in den Nominierungen für den Schweizer Literaturpreis («Alles sehen») und einen Platz auf der Longlist des deutschen Buchpreises («Das Jahr der Frauen»). Und trotzdem zählt Christoph Höhtker nicht nur zu den eher unbekannten Schreibenden, sondern auch zu denen, die nicht der Literatur, sondern einer anderen Tätigkeit als Broterwerb nachgehen. Fix ist für seinen Auftritt bei Sprachsalz jedenfalls das Motto seines Buches «Los, Babe, Abenteuer!».

 

BS

 

Bücher: «Los, Babe, Abenteuer!» 2021; «Schlachthof und Ordnung» 2020; «Das Jahr der Frauen» 2017 alle Weissbooks


Boris Kerenski

Boris_Kerenski ©Thomas_Hummel
Boris_Kerenski ©Thomas_Hummel

Lebt in Gingen (D)

 

Als Bildender Künstler beschäftigt sich Boris Kerenski hauptsächlich mit Collagen, schafft also aus bereits Vorhan-denem etwas völlig Neues, löst Bekanntes in Unbekanntes auf und stellt somit

immer neue Zusammenhänge und Möglichkeiten einer Interpretation her. Als Mitherausgeber der ungewöhnlichen und wundervollen Anthologien wie «Tanger Telegramm» (mit Florian Vetsch) oder «Kaltland Beat» (mit Sergiu Stefanescu) setzt er sich intensiv mit der literarischen Gewichtigkeit des marokkanischen Freihafens Tanger auseinander oder liefert die ganze Palette des deutschsprachigen Social Beat bzw. Slam Poetry samt theoretischem Überbau um die Jahrtausendwende. Kerenski gab und gibt so Texten des literarischen Undergrounds, der AußerLiterarischen Tradition und Subkultur Raum, die sonst selten oder kaum beachtet werden. Als Essayist tritt er in Dialog mit den Bildern des Fotografen Thomas Hummel oder reflek- tiert die Rolle des Social Beat innerhalb der deutschsprachigen Literatur. Als Autor verfasst Boris Kerenski kürzere Prosatexte, die in Anthologien und als Einzelpublikationen veröffentlicht wurden. «Tristesse cool serviert» und «Helden der Krise» lauten die Titel der beiden kurzen Erzählungen (jeweils bei der legen- dären Stadtlichter Presse veröffentlicht), deren Protagonist seine Umgebung mit einem kräftigen Schuss Misanthropie scharfzüngig betrachtet – und dessen Blick auch Tanger streift. So schließt sich ein Kreis vielschichtiger Texte und Betrachtungen, die ihre Leser*innen durch ihre ungewöhnliche und intelligente Themenwahl, Zusammensetzung und Humor faszinieren und begeistern.

 

UW

 

Veröffentlichungen: «Helden der Krise» Erzählung 2020 Verlag Stadtlichter Presse Wenzendorf; «Schnitte – die Kunst der Schere» Collagen 2020 Moloko Verlag Schönebeck; «Tristesse cool serviert» Erzählung 2019 Verlag Stadtlichter Presse Wenzendorf; «Tanger Telegramm – Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt» (Hg. zusammen mit Florian Vetsch) 2. Überarbeitete Auflage 2017 erschienen im Bilger Verlag Zürich

www.boriskerenski.com/


Ana Marwan

Ana Marwan © Una Rebić
Ana Marwan © Una Rebić

Lebt in Wolfsthal, Niederösterreich

 

«Wie würde ich leben, würde ich leben?» Eine ganz logische Frage, wenn das Aufregendste am Land der tägliche Besuch des Briefträgers ist, das Warten–Warten–Warten auf den Paketboten und auf die online bestellten Blusen. Während die Frau wartet, realisiert sie, dass sie schwanger ist – und was das bedeutet fürs Leben.

Ana Marwan, in Slowenien geboren, studierte Literaturwissen- schaftlerin, in Wien in Romanistik graduiert und, wie sie über sich selbst sagt, eigentlich immer ein Stadtmensch gewesen, weshalb sie inzwischen – eh klar – am Land lebt, schreibt über eine Frau, eine Kröte, ein Dazwischen-Daneben-Sehnsuchts- leben. Und obsiegte heuer mit «Wechselkröte» bei den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur, vormals Ingeborg- Bachmann-Preis, in Klagenfurt. Zart, aber nicht weich, meinte die «Frankfurter Rundschau»; fein, schön schwebende Sätze, lobpries die Berliner «taz». 2008 gewann sie für die Kurzgeschichte «Deutsch nicht ohne Mühe» den Exilliteraturpreis Schreiben zwischen den Kulturen. Ihr Romandebüt 2019: ein unterhaltsames, geschliffen ironisches geschlechterscharf- sinniges Meta-Spiel über Misanthropie und Gefühlsstürme, männliche Tölpel und Nietzsche, der alles bereits beschrieben hat. Ana Marwan liest aus ihrem Roman und aus «Wechselkröte».

 

AK

 

Bücher: «Der Kreis des Weberknechts» Roman Otto Müller 2019


Hanspeter Müller-Drossaart

mueller Drossaart_ @Markus Flück
mueller Drossaart_ @Markus Flück

Lebt in Dietikon (Kanton Zürich)

 

Tiefe Wasser, dunkle Täler, schweigende Dörfer, gleißende Bergsonne, duf- tendes Heu und sagenhafte Geschich- ten sind in den Alpen versteckt. Für den Zugang zu den zuletzt genannten bedarf es noch Schürfrechte. Ein solches Recht hat er, der aus Obwalden und Uri, also mitten in den Schweizer Alpen stam- menden Hanspeter Müller-Drossaart. Dem großen Publikum ist er bekannt aus Kino und Fernsehen, in Filmen wie «Der Koch», «Die Herbstzeitlosen», der Bozen-Krimi auf ARD oder mit seiner Kunst des Vorlesens in Sendungen wie «Literaturclub» auf SRF und 3sat. Den Menschen, die die Welten zwischen den Zeilen suchen sei dringlich geraten, die Bücher von ihm aufzuschlagen. Hier schürft er nach der Poetik des Innenlebens von Menschen. In seinen Gedichten, seinen Kolumnen sitzen die vielen kleinen Wahrheiten und ein Schalk, der eigentlich zur Schulpflicht ge- hörte. Nicht nur das eigene Schreiben lässt tief in seine Kunst am Wort blicken, auch seine Interpretationen und Inszenierun- gen auf der Bühne von Büchern wie Seethalers «Der Trafikant» oder «Bajass» von Flavio Steimann machen deutlich, wie nah und wichtig ihm der literarische Umgang dieser Welt ist. Das Widerspiel von Literatur als Schauspieler und Vorleser – auch von vielen Hörbüchern übrigens – vollbringt er dergestalt, dass Worte in unserem intellektuellen Alltagspermafrost mehr als Haarrisse verursachen können.

Müller-Drossaart erwischt uns mit seinen Texten auf dem richtigen Fuß, vorausgesetzt, dass wir unsere ureigene Melancholie und Sehnsucht zulassen.

 

UHA

 

Bücher: «steile flügel» Gedichte 2020 Wolfbach Verlag; «gredi üüfe» Gedichte in Urner Mundart 2018; «zittrigi fäkke» Gedichte in Obwaldner Mundart 2015 beide Bildfluss Verlag

www.hanspeter-mueller-drossaart.com


Andreas Niedermann

Niedermann ©B. Bakardijeva
Niedermann ©B. Bakardijeva

Lebt in Wien

 

Der aktuelle Roman von Andreas Niedermann, «Schreiben. Selbstbild mit Tier» ist eine Tour de Force, ein Überlebenskampf, in dem es dem Autor darum geht, Leben und Schreiben in Einklang zu bringen.

Der gebürtige Schweizer Niedermann ist ein Sonderfall der Schweizer Literatur. Mit seinem Erstlingswerk «Sauser», er- schienen in den Achtzigerjahren, hat der Autor in der Szene für Furore gesorgt.

Jobs als Hilfsarbeiter, Steinbrecher, Alp Hirte, Bühnenarbeiter etc., die ein materiell kärgliches Dasein ermöglichten, sind der autobiografische Erfahrungsschatz, aus dem der Autor schöpft. Er geht einen kompromisslosen Weg, um sich als Autor, als Schreiber durchzusetzen. Er wählt den harten Weg eines Punks «...keine Preise, keine Auszeichnungen, keine Stipendien, aber eine Arbeit, die so professionell ist, wie es nur geht», das war das Credo.

Autoren wie Bukowski, Fauser, Miller, sind für Niedermann die Wegweiser. Der akademische Firlefanz ist nicht seine Sache. Sein Stil ist hart, klar und direkt.

Seinen schriftstellerischen Antrieb fasst er so zusammen: «Aber was mir widerfuhr, auf dieser unentwegten Suche, es war selbst gewählt ... Ich wollte es so. Nur aus dem einfachen Grund, weil ich nichts anderes wollte, weil mir nichts sonst erstrebenswert schien.»

 

ES

 

Bücher: «Schreiben. Selbstbild mit Tier» 2022; «Das Glück der falschen Fährten» 2019 Novelle Edition Baes Wien 2019; «Blumberg» Kriminal- roman 2018; «Die Katzen von Kapsali» Roman 2010; «Love is Hell» Roman Wien 2008; alle Songdog, Wien; «Stern» Roman 1989; «Sauser» 1987 Edition Moderne Zürich.


Paul Renner

Paul Renner@ m. geier
Paul Renner@ m. geier

Lebt in Wien

 

Was bei manchen Festivals gängige Praxis ist, das findet bei Sprachsalz kaum statt, nämlich das stetige Wieder- holen der Einladung von Autor*innen; das mag für diejenigen, die eingeladen

werden, angenehm sein das Publikum aber ermüdet das. Aber wie wir wissen: Ausnahmen bestätigen die Regel. Paul Renner war 2012 bei Sprachsalz. «Der Künstler las verschiedene Gedichte, und verköstigte das Publikum mit Flüssigkeiten», wurde hernach über seinen Auftritt geschrieben; und von nicht wenigen mir mit Bedauern mitgeteilt, dass sie diese Lesung verpasst hätten! Seit meiner Beschäftigung mit Dada bin ich von der Art und Weise, wie bildende Künstler und Musiker schreiben, beeindruckt. Wer die Werke von Francis Picabia, Kurt Schwitters, Hans Arp, Michel Butor – der zu Gast bei Sprachsalz war – kennt, weiß, wovon ich rede. Die Form des literarischen Arbeitens, die sich von einengenden Zwängen loslöst, den Staub in den Wörtern aufwirbelt.

Die Galerie Konzett schreibt über ihn: «Paul Renner arbeitet seit über 30 Jahren an der Verwirklichung eines aktionistischen Gesamtkunstwerks, das Malerei, Kulinarik und literarische Themen miteinander vereint.» Und Paul Renner wird – wie schon einmal – das Publikum auf eine dieser ganz besonderen Reisen mitnehmen, auf eine Erfahrung, auf die man sich einlassen soll, da man nicht so oft die Gelegenheit dafür vorfindet. Wie 2012 (damals anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Sprachsalz) wird seine Lesung und Performance wiederum nachHALLtigen Eindruck hinterlassen.

 

HDH

 

Bücher: «Honig & Wachs Leber & Schnaps» 2012 VESCON Edition; «Theatrum Anatonicum» 2009 Kunsthaus Bregenz; «Hardcore Diner» 2006 Leo Koenig Inc., New York; «De Mondo Amalgamandi» 2005 Katalog Feldkirchfestival 2005; «The Hell Fire Touring Club» 2004 Matthes & Seitz Berlin Verlag

http://paulrenner.net


Edgar Selge

Edgar_Selge_@Muriel Liebmann
Edgar_Selge_@Muriel Liebmann

Lebt in München

 

«Alle Bananen sind gleich!» München, Mitte der Achtziger. Die Kammerspiele, unter Dieter Dorn das beste Theater

Deutschlands. Ein Stück von Botho Strauß, «Kalldewey Farce»: ein von seiner Frau verlassener Mann im Wohnchaos, hektisch, neurotisch, verletzt. Und dann der Satz: «Alle Bananen sind gleich! Alle!» Wieso ich mich an die Inszenierung erinnere? Nicht nur, weil ich die Aufführung damals zweimal sah. Sondern weil als Verzweiflungskomiker die Sätze Edgar Selge sprach.

Er spielt alles auf gleich hohem Niveau, Botho Strauß und einen einarmigen Kommissar im TV, Houellebecqs «Unterwerfung» als Ein-Mann-Stück, Ibsens Peer Gynt, Schillers Wallenstein. Und schreibt auch als autofiktionaler Romancier auf ebensolchem, erzählt von sich, dem Aufwachsen in einer Mittelstadt, von Zwängen, Ängsten, Gefängnis und Musik, Leid und Freud (ohne Sigmund).

Welche Worte legte gleich nochmal Helmut Dietl, der Film- regisseur, 1997 in seinem Münchner Schickeria-Adé-Streifen «Rossini» Edgar Selge alias ein hypermotorischer Banker in den Mund, als dieser sich über eine Absprache freut – um ein Vierteljahrhundert Edgar Selge bei Sprachsalz prophetisch vorwegnehmend – : «Ich hab ein gutes Gefühl! Ein gutes Gefühl!» Ich auch. Denn: Mögen alle Bananen gleich sein – Edgar Selge ist anders.

 

AK

 

Bücher : «Hast du uns endlich gefunden» Rowohlt 2021


Lea Streisand

Lea Streisand ©STEPHAN PRAMME
Lea Streisand ©STEPHAN PRAMME

Lebt in Berlin

 

Wer schon einmal in Berlin wohnte (oder leben musste), weiß, wie wahr der Titel von Lea Streisands Zweitling ist, «Berlin ist eine Dorfkneipe». Oder wie sie es in einer ihrer jüngsten Glossen

prägnant auf den Punkt brachte: «Wir sind Berliner. Wir sind es gewohnt, dass Dinge in dieser Stadt eher nicht funktionieren.» Oder auch gar nicht, wie etwa Fahrrad-Halterungsschienen an einer S-Bahn-Station.

Multi-Talent: Anders kann man Lea Streisand nicht nennen. Zeitungs- und Radiokolumnistin, Buchautorin und Poetry Slammerin und Lesebühnen-Rakete, Mutter und Ehefrau und Enkelin einer Lebenskünstlerin. Und Aufdeckerin. Denn in ihrem jüngsten Roman «Hätt‘ ich ein Kind» enthüllt sie mit Witz gleich mehrere Geheimnisse. Dass Rapunzel ein Schwangerschafts- märchen ist. Dass Schneewittchen eigentlich blond war. In die jüngere deutsche Geschichte führt «Hufeland, Ecke Bötzow» – aus diesem Buch wie aus «Hätt‘ ich ein Kind» wird sie bei Sprachsalz lesen – in die späte DDR, in den Prenzlauer Berg des so wie die Häuser dort langsam zerbröselnden Honecker- Ländchens. Lustig über Tristesse, Melancholie, Opportunismus zu schreiben, das ist hohe Kunst. Die Lea Streisand locker beherrscht. Und wer wie sie Jurek Becker als Lieblingsautor angibt, der muss ohnehin zu Sprachsalz.

 

AK

 

Bücher: «Hätt‘ ich ein Kind» 2022; «Hufeland, Ecke Bötzow» 2019; «War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt» 2016; «Im Sommer wieder Fahrrad» 2016 alle Ullstein


Paulina Stulin

Paulina Stulin_© Samira Schulz
Paulina Stulin_© Samira Schulz

Lebt in Darmstadt

 

«Die dicke Schwarte» nannte Hella von Sinnen Paulina Stulins vorletzten Comic bei der sehenswerten Genre-

Talkshow «DER COMICtalk». Das 612

Seiten Buch (anscheinend schon die

schlanke Variante der ursprünglich 1120 gezeichneten Seiten) mit dem stimmigen Titel «Bei mir zuhause» ist eine aus- gesprochen intime Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrem Leben. Zwar bezeichnet Stulin selbst das Buch als Mutprobe in Bezug auf die Offenlegung ihrer Gefühlswelt, doch wo die autobiographischen Tatsachen aufhören und die Fiktionalität anfängt, bleibt unklar.

Bei ihrem neuen Comic handelt es sich um ein ganz besonderes Auftragswerk: Doris Dörrie, die ebenfalls beim diesjährigen Sprachsalz zu erleben ist, hat Paulina Stulin um eine Comic- Adaption ihrer Filmkomödie «Freibad» gebeten. Ort des Geschehens ist das einzige Frauenfreibad Deutschlands. Stulin fängt einfühlsam Stimmungen, Geschichten und Konflikte ein. Der Film läuft im September an, die Graphic Novel ist im Juni bei Jaja erschienen. Bei Sprachsalz 2022 freuen wir uns auf ein Gespräch mit beiden Künstlerinnen.

 

BS

 

Bücher: «Freibad» 2022; «Bei mir zuhause» 2020; «The Right Here Right Now Thing», 2015 alle Jaja Verlag

www.paulinastulin.de