Autor*innen 2021

Ned Beauman, England; Michael Chabon, USA; Jon Fosse, Norwegen; Peter Hein, Deutschland; Camille Kouchner, Frankreich; Hari Kunzru, USA; Scott McClanahan, USA; Nicolas Mahler, Österreich; Hanno Millesi, Österreich; Jenny Offill, USA; Yoko Ogawa, Japan; Raffaella Romagnolo, Italien; Ariela Sarbacher, Schweiz; Ayelet Waldman, USA

Sprachsalz Mini

Andrea Karimé, Deutschland: Cally Stronk & Christian Friedrich, Deutschland


Ned Beauman

Ned Beauman © Alice Neale
Ned Beauman © Alice Neale

Lebt in London

 

Wenn ich an Ned Beauman denke, denke ich zuerst an tolle Romantitel. Angefangen hat alles mit «Flieg, Hitler flieg!», der Geschichte rund um einen Käfer mit Hakenkreuzmusterung am Rücken. Dann kam «Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort», eine abgedrehte Reise eines sex-, wie selbst-süchtigen Mannes, der nicht nur an Bert Brecht gerät, sondern auch einen mysteriösen Teleportationsunfall aus dem 17. Jahr­hundert untersucht. 


Sein neuester Roman stellt die Frage «Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist» und präsentiert sich als Hommage an die Dreharbeiten legendärer Filme an entlegenen Orten, die völlig außer Kontrolle gerieten, wie «Apocalypse Now» und «Fitzcarraldo»: Im Roman werden 1938 zwei rivalisierende Expeditionen in den Dschungel von Honduras zu einem eben entdeckten Maya-Tempel geschickt. Die eine soll dort den Film «Heart of Darkness» drehen, die andere den Tempel abbauen und nach New York verschiffen. Die daraus entstehende Pattsituation nützt Beauman für literarische Verästelungen voller Skurrilität. Er erzählt die Geschichte mit wunderbarem Humor, ergänzt sie durch großartig recherchierte Fakten, die an den richtigen Stellen auftauchen, um immer wieder neue Pfade in das Handlungslabyrinth zu trampeln.


BS



Bücher: «Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist» Roman 2018 Hoffmann und Campe Hamburg übersetzt von Marion Hertle; «Madness is Better than Defeat» 2017 Sceptre London; «Glow» 2014 Hoffmann und Campe Hamburg; «Glow» 2014 Sceptre London; «Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort» 2013 DuMont Köln; «The Teleportation Accident» 2012 Sceptre London; «Flieg, Hitler, flieg!» 2010 DuMont Köln; «Boxer, Beetle» 2010 Sceptre London.


www.nedbeauman.co.uk


Michael Chabon

Michael Chabon © Sarah Lee
Michael Chabon © Sarah Lee

Lebt in Berkeley Kalifornien, USA

 

Seit 30 Jahren ist Michael Chabon der Wunderwerker der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Und mit eben diesen Worten (und dieser «Berufs­bezeichnung») stellte den Endfünfziger aus der nordkalifornischen Universitätsstadt Berkeley 2018 schon im Auftaktsatz eine deutsche Zeitung vor. Zu Recht! Denn was kommt bei Chabon, dessen Abschlussarbeit in «Kreativem Schreiben» (der Roman «Die Geheimnisse von Pittsburgh») ein Bestseller wurde, nicht alles vor! Der Golem und Sherlock Holmes (89-jährig). Ein Mann, der den V2-Raketenkonstrukteur der Nazis Wernher von Braun jagt, Comic-Helden der vierziger Jahre und der Kaukasus im 10. Jahrhundert. Baseball, Schach und die jüdische Heimstatt Alaska mit Chassiden.


«Oft weiß ich erst», so Chabon, «wenn ich schon fast fertig bin, worum es in dem Buch, das ich schreibe, eigentlich geht.» In jüngerer Zeit war ihm die Erde nicht genug. Denn: Verbergen sich hinter beeindruckender Frisur und Barttracht in echt spitze Ohren? Zumindest arbeitete Chabon, neuerlich erfolgreich, 2019 als Autor und Showrunner (Leiter des Writers‘ Room) für «Star Trek: Picard». Und schwärmte wie ein Schneekönig vom Erlebnis, seinen Text von Patrick Stewart gesprochen zu hören und zu sehen. 
Auch bei Sprachsalz wird Chabon aus einem Text lesen, der mit Film zu tun hat: Was, das verraten wir hier noch nicht.


AK



 

Bücher: «Bookends: Collected Intros and Outros» Harper 2019; «Pops: Fatherhood in Pieces» Harper 2018; «Moonglow» 2018;  «Telegraph Avenue» 2014; «Schurken der Landstraße» 2014; «Die Vereinigung jiddischer Polizisten» 2008, «Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay» 2002; «Wonder Boys» 1996, alle Kiepenheuer & Witsch Verlag.



Jon Fosse

Jon Fosse © Tom A. Kolstad_Det Norske Samlaget
Jon Fosse © Tom A. Kolstad_Det Norske Samlaget

Lebt in Frekhaug (Norwegen) und Hainburg

 

Schon für die erste Ausgabe von Sprachsalz 2003 hatte ich ihn auf meinem Wunschzettel und wie bei der japanischen Autorin Yoko Ogawa hat es bis 2021 gedauert, um das Vorhaben schließlich umzusetzen. Jene Bücher, die ich von ihm in die Hände bekam und gelesen habe, waren zu dieser Zeit vom Feuilleton und deren Rezensenten noch ziemlich unbeachtet. Dabei ist der Stil seiner Arbeit mit jener Thomas Bernhards zu vergleichen; im Gegensatz zu Bernhard wird er allerdings niemals zynisch. Eine Wärme und der Sinn für mythologische Gründe begegnen einem in seinen Figuren und deren Lebens­welt. Fosse ist ein Meister des Essentiellen, beispiellos in der Gegenwartsliteratur. 


Beim Lesen seiner Texte (auch der Theaterstücke) vermittelt sich ein Staunen über das Sein. Die Redundanz, welche sich bei Bernhard im Zynismus verhakt, gelangt bei Fosse in die Tiefe zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem. Sein poetischer Minimalismus wurde 2019 endlich in der FAZ mit der Formel «Ibsen, durch die Brille Becketts gesehen» geadelt. Jene in seinen Büchern vor­herr­schenden Stimmungen: Melancholie, lange Nächte und alle­gorisch aufgeladene Landschaften. Er ist sozusagen nordischer als etwa Karl Ove Knausgård oder Jan Kjærstad. Fosse wird aus seinem Roman «Der andere Name» lesen; in dieser langsamen Prosa lässt sich der Protagonist Asle sein Leben durch den Kopf gehen. Es ist schon ein gutes Gefühl, dass wir Jon Fosse endlich in die Autor*innen-Liste von Sprachsalz einreihen dürfen.


HDH



 

Bücher: «Der andere Name» Roman 2019; «Triologie» Erzählungen 2016; «Ich bin der Wind» Stücke 2016 alle Rowohlt Verlag; «Das ist Alise» Novelle 2003 Mare Bibliothek; «Morgen und Abend» Roman 2001 Fest Verlag Berlin; «Melancholie» Roman 2001 Verlag Kindler. Alle übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. 



Peter Hein

Peter Hein © anna meyer
Peter Hein © anna meyer

Lebt in Wien

 

Zuerst hatte ich ihn als Musiker, als Sänger von «Mittagspause» und dann als Frontmann der «Fehlfarben» wahr­genommen. Seine Arbeit ist und bleibt wegweisend für viele Musiker in deut­schen Landen. Die Texte und sein Gesang verliehen nicht nur den «Fehlfarben» (ihr Debütalbum «Monarchie und Alltag» eines der großen deutschen Pop-Werke) das besondere, stilgebende Element jener Musik, die bis zum heutigen Tag frisch und zeitgemäß geblieben ist. Das Lebensgefühl der Generation nach 68 brachte er auf den Punkt: «Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat.» Von sich selbst sagte er in einem Interview: «Ich bin ein über­qualifizierter und untermotivierter alter Sack. Jetzt muss ich als selbständiger Künstler prekär durchs Leben gehen: Konzerte geben, ab und zu Lesungen machen, mal was schreiben.» Anlässlich eines persönlichen Nachmittagsgespräches in un­se­rer Wiener Wohnung gelang es mir, ihn für Sprachsalz 2021 zu überzeugen.


Das Buch, aus dem er lesen wird («Geht so»): Er entgeht darin der Blamage (Poplegende schreibt Buch) mittels geschickter, popliterarisch gefärbter Beschreibung, spezieller geschichts­philo­sophischer Dialektik und unbilliger Haltung auch dem Hässlichen und Provinziellen gegenüber. Ein Sänger und Dichter wie es sein muss, wie ihn die Gesellschaft notwendig hat – in Zeiten wie diesen ganz besonders. Als besonderer Lecker­bissen wird ihn Hanspeter Düsi Kuenzler in ein Gespräch verwickeln.

HDH



 

Bücher: «Die Songtexte 1979-2009»; «Geht so» Wegbeschreibungen 2008, beide Lilienfeld Verlag Düsseldorf;
Schallplatten: «Fehlfarben/Monarchie und Alltag LIVE» 2020 Schallter; «Fehlfarben/Xenophonie» 2012 Tapete Records; «Family5/Ball der Verwirrung» 1983 Teldec; «Family 5/Resistance» 1985 Sneaky Pete Records; «Family 5/Wege zum Ruhm» 2004 Paul; «Fehlfarben/Monarchie und Alltag» 1980; «Mittagspause/Mittagspause» 1979, beide EMI.


Camille Kouchner

Camille Kouchner © Bénédicte Roscot
Camille Kouchner © Bénédicte Roscot

Lebt in Paris

 

Das kommt in den besten Familien vor, so sagt man, und ja: gemeint ist Inzest. 
Das Buch, welches die Rechts­professorin An­fang dieses Jahres ver­öffentlichte, schlug in Frankreich ein wie eine Bombe. Es geht um eine der besten Familien, intellektuell, wohlhabend, arriviert: ihre Mutter Évelyne Pisier eine der ersten weiblichen Politologie-Professorinnen der Sorbonne, ihr Vater Bernard Kouchner Außenminister unter Sarkozy, ihr Stiefvater Olivier Duhamel, Politologe und ständiger Gast in Talkshows, Berater Macrons. Im Buch erzählt Camille Kouchner von ihrem Bruder, der von seinem Stiefvater regel­mäßig in der Sommer­residenz in Sanary missbraucht wurde. 


Gerade, weil sie selbst nicht direkt betroffen ist, schildert sie aus einer sehr eindrücklichen Perspektive, wie viel Elend Inzest an­richtet: Es trifft nicht einzelne in der Familie, Täter und Opfer, sondern es zieht alle in Mitleidenschaft, auch alle diejenigen, die es nicht wahrhaben wollen, verdrängen, vertuschen. 


Das Schuldgefühl, das sie mit einer Schlange vergleicht, erhebt ihren Kopf, wird zur Hydra und entzweit eine Familie. «Ich laufe immer demselben Traum nach: Verzeihung finden.» Ebenso bemerkenswert ist die brillante Sprache und Dramaturgie, in der sie diese Geschichte erzählt, fast zärtlich mitunter schildert sie, wie die wunderbare intellektuelle Idylle, die am Anfang des Buches beschrieben wird (eine Mutter, die ihr flammende Reden über die Freiheit hielt), bröckelt und bricht. Umso bemer­kenswerter noch hat dieses Buch nun ein Gesetz in Frankreich beschleunigt, das unter 15-Jährige besser schützt.
    

MK



 

Bücher: «Die große Familie» 2021 Blessing, übersetzt von Hanna von Laak; «La familia grande» Éditions du Seuil 2021.


Hari Kunzru

Hari Kunzru © Sophia Spring
Hari Kunzru © Sophia Spring

Lebt in Brooklyn New York City, USA

 

Die Liste an Auszeichnungen für Hari Kunzru, geboren in London, auf­ge­wachsen in Essex, Studium in Oxford, ist lang: 1999 von «The Observer» zum Jungen Reiseschriftsteller des Jahres 1999 gekürt, 2003 vom einflussreichen «Granta»-Magazin zu den «(20) Best of Young British Novelists» gezählt, 2008 New York Public Library Fellow, Fellow der John Simon Guggenheim Memorial Foundation 2014 und 2016 Fellow der American Academy in Berlin-Wannsee. 


Und wahrlich nicht jeder Roman-Novize erhält für sein Debütmanuskript gleich einen (an­geblichen) Vorschuss von einer Million Pfund. In Berlin bekam er auch die Idee für seinen neuesten Roman «Red Pill». Red Pill? Ist das nicht was mit Verschwörungen? Und Wannsee, ist das nicht, wo sich Heinrich von Kleist erschoss? Beides kommt vor. Und noch viel mehr. Wie immer fühlt Kunzru der erregten Zeit den nervösen Puls. Und baut, auch wie immer, einen raffinierten, komplexen Roman (inklusive Roman im Roman und Keinen-Roman-Schreiben-Können, weil der Zeit der Puls gefühlt wird). Wie meinten die tiefseriösen «Kirkus Reviews» (und ich) nochmal? «’Kafkaesk’ ist eine ausgeleierte Bezeichnung, aber für diesen dunklen Text über Angst und Ungerechtigkeit mehr als passend.» 


AK



 

Bücher: «Red Pill» 2021, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence; «Götter ohne Menschen» 2020; «White Tears» 2017; alle Liebeskind Verlag; «Twice Upon A Time: Listening to New York» Atavist 2014; «Revolution» 2008; «Gray Day» 2005; «Die Wandlungen des Pran Nath» 2002, alle Blessing Verlag.


Scott McClanahan

Scott McClanahan © official author photo 03
Scott McClanahan © official author photo 03

Lebt in Beckley West Virginia, USA

 

«Ich weiß nur eine Sache übers Leben. Wenn du lang genug lebst, fängst du an, Dinge zu verlieren. Alles wird dir weg­genommen: Zuerst verlierst du deine Jugend, dann deine Eltern, und dann verlierst du deine Freunde, und am Ende verlierst du dich selbst.» So beginnt Scott McClanahans Roman «Sarah» – und so könnte wohl jeder seiner Texte beginnen, verhandeln sie doch alle irgendwie die Vergänglichkeit des Moments, der immer schon vorbei zu sein scheint. «Sarah» erzählt von der längst vergangenen Liebe, die dem Scheitern in einem großen, zer­störungslustigen Rausch entgegengerast ist. Und auch das fa­mi­liäre Leben im Debütroman «Crap» – eben in der deutsch­spra­chigen Übersetzung von Clemens J. Setz erschienen – mit einem liebevoll gezeichneten «Haufen Freaks» im tiefsten ameri­ka­ni­schen Hillbilly-Land, blitzt nur mehr in der melancholischen Rückschau auf. 


«Das Thema dieses Buches ist ein Geräusch. Es geht so: tick, tick, tick, tick, tick, tick, tick. Du hörst es jetzt ebenfalls. Eines der traurigsten Geräusche der Welt.» Und zu­gleich zählen Scott McClanahans Bücher wohl zum Ur­komisch­sten und Wahr­haftigsten, das es über unsere Existenz mit ihren Irrungen und Wirrungen zu lesen gibt, weil sie uns und die Welt, in der wir leben, als einen gigantischen Witz zeichnen, über den man wohl am besten einfach und aus vollem Herzen lachen sollte.
 VB



 

Bücher: «Sarah» 2020 («The Sarah Book» 2015 Tyrant Books); «Crap» 2021 («Crapalachia: A Biography of Place» 2013 Two Dollar Radio), beide erschienen übersetzt von Clemens J. Setz im ars vivendi Verlag.


Nicolas Mahler

Nicolas Mahler © N. Mahler
Nicolas Mahler © N. Mahler

Lebt in Wien

 

Immer wieder versuchen wir bei Sprach­salz Grenzgebiete der Literatur zu er­kunden. Nicolas Mahler bewegt sich im Grenzgebiet zwischen Literatur und Comics. Dabei überschreitet er als Zeich­ner und Texter Grenzen in beide Richtungen.
Es scheint, als wäre Nicolas Mahler Stammgast in Julius Deutschbauers Bibliothek ungelesener Bücher. Zumindest könnte beim Blick auf die Liste seiner Comic-Adaptionen des literarischen Kanons dieser Eindruck entstehen: James Joyces «Ulysses», Marcel Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» und Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften». Mahler interpretiert quer durch die Literaturgeschichte. Der finale Durchbruch am harten Comicpflaster Österreichs gelang ihm mit Thomas Bernhards «Alte Meister».
Mit reduziertem Strich und maximalem Wiedererkennungswert hinterlässt Nicolas Mahler seit mehr als zwei Jahrzehnten Tuschespuren in der Welt der Comics. Er zeichnet Karikaturen und Witze (zum Beispiel für FAZ, Le Monde, La Repubblica, Titanic) und illustriert unter anderem für die ZEIT und den Insel Verlag. Mahler dichtet, er schreibt Autobiografisches und skurrile Ge­schichten rund um den Mann in der Heizdecke. Bis dato umfasst sein Werk mehr als 50 Bücher.


BS



 

Bücher: «Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie» 2021; «Ulysses» 2020, beide Suhrkamp Berlin; «Solar Plexy» Gedichte 2018 Luftschacht Verlag Wien; «Der Fremde» Carlsen Hamburg 2018; «Comic-Adaption nach Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» Suhrkamp Berlin 2017.


www.mahlermuseum.com


Hanno Millesi

 Hanno Millesi © Jorghi Poll
Hanno Millesi © Jorghi Poll

Lebt in Wien

 

«Der Charme der langen Wege» heißt sein neues Buch, die Geschichte eines Geräuschemachers, eines Künstlers, einer traurigen Person und einer Wirk­lichkeit, die weit entfernt des eige­nen Lebens verläuft. Wenn die akustischen Effekte von Sprühdosen und Brausetabletten an Bedeutung gewinnen und man sich insgeheim fragt, wie die Klangwelten der Hörbuchkassetten seiner eigenen Kindheit entstanden sind, dann ist man dort gelandet, wo Hanno Millesi einen vielleicht hinbringen will.


Hanno Millesis Nähe zur bildenden Kunst, seine vielfältigen ­
Col­lagen und sein genau kalkuliertes Experimentieren mit Text und Situation machen ihn zu einer literarischen Ausnahme­erscheinung. Er schreibt nicht einfach Bücher, er erschafft paral­lele Realitäten. Die Lektüre seiner Werke, die einen wechsel­weise in Zustände innerer Unruhe und heiterer Erregung ver­setzt, hinterlässt gerne eine gewisse Irritation.


Hanno Millesis literarische Welt ist ein Zuschnitt unserer Welt, eine Verzerrung, eine Verwirrung, eine verkehrte Logik, die in sich schlüssig ist und gerade deshalb beängstigend sein kann. Alltägliche Situationen, die sich genau gegenteilig zu alltäglichen Situationen verhalten. Kompositionen des Lebens, die einer­seits Gefühle der Freude, des Lachens und andererseits tiefe Verunsicherung hervorrufen. Oder frei nach den Worten von Daniela Strigl über Hanno Millesi: Seine Figuren zwingen uns, die Realität nach ihrer Façon zu sehen: als eine wahnwitzige Ver­anstaltung.


BS

 



Bücher: «Der Charme der langen Wege» Roman 2021; «Die vier Weltteile» Roman 2018; «Der Schmetterlingstrieb» Roman 2016; «Venusatmosphäre» 2015 Roman alle Edition Atelier Wien; «Granturismo» 2012 Roman Luftschacht Wien.
 www.hanno-millesi.com/


Jenny Offill

Jenny Offill © emily tobey
Jenny Offill © emily tobey

Lebt in Upstate New York, USA

 

Es gibt gute erste Romansätze. Und es gibt brillante. Zu Letzteren zählen diese: «Morgens kommt die weit­gehend Erleuchtete herein. Es gibt unterschiedliche Stadien, und sie denkt, sie befände sich im vorletzten.» So beginnt Jenny Offills bodenlos lustiger und hinreißend apokalyptischer Roman «Wetter». Und, ach ja – siehe Titel – um die Klimakatastrophe geht es natürlich auch. Offill, die auch am renommierten Bard College mit direktem Blick auf den Hudson River lehrt, hat mit der Unibibliothekarin Lizzie Benson, «beruhigend mit­mensch­lich, verblüffend exzentrisch und völlig verantwortungslos» (The Boston Globe), die bei einem Weltuntergangs-Podcast ein­springt als Bearbeiterin der Zuschriften, eine hinreißende Figur erfunden. Die sich fragen muss: wie à la Voltaires Candide den Garten bestellen, wenn die Welt in Flammen steht in diesem in viele kurze Abschnitte unterteilten Roman.


«Für mich», sagte Offill in einem Interview, «kommt ein Großteil des Vergnügens, wenn ich ein gutes Buch lese, vom Zwie­gespräch, das ich in meinem Kopf mit dem Autor führe. Ich habe das Gefühl, der leere Raum in meinen Romanen ist dafür da, dass jede Leserin und jeder Leser ihre eigenen Gedanken und Ideen ins Buch hineinpflanzen kann.» 


AK



 

Bücher: «Wetter» 2021 Piper, übersetzt von Melanie Walz; «Depth of Speculation» 2014 Knopf Doubleday; «Last Things» 1999 Bloomsbury.


Yoko Ogawa

Yoko Ogawa © KODANSHA
Yoko Ogawa © KODANSHA

Lebt in der Präfektur Hyogo, Japan


 

Immer wieder habe ich den Versuch unternommen, der Autorin einen Auftritt bei Sprachsalz schmackhaft zu machen, doch nie ist es mir ge­lungen; was allerdings einen echten «Sprach­salzler» ausmacht, ist der Umstand, dass er ungern gewillt ist, aufzugeben. Deshalb versuchte ich es in diesem Jahr neuerlich und – obzwar die Autorin bereits etlichen namhaften inter­natio­nalen Festivals einen Korb gegeben hatte – sagte sie tatsächlich zu. Im Verlauf der letzten Jahre habe ich alle ihre Ver­öffent­lichungen gelesen. Und jeder einzelne Roman, jeder Erzählband hatte mich sofort gepackt. Ihr zuletzt erschienener Roman «Insel der verlorenen Erinnerung», aus dem sie bei Sprachsalz lesen wird, befand sich auf der Short-List für den inter­nationalen Booker Prize 2020.


Auf einer namenlosen Insel, die von einem namenlosen Regime regiert wird, verlieren die unterschiedlichsten Dinge (Rosen, Vögel, Hüte, Kaubonbons) schlagartig ihre Bedeutung und werden daraufhin von den Inselbewohnern mehr oder weniger freiwillig zerstört. In diesem dystopischen Setting versteckt eine namenlose Schriftstellerin gemeinsam mit einem namenlosen alten Mann ihren namenlosen Verleger, weil er zu den wenigen Menschen gehört, die sich weiterhin an die verschwundenen Dinge erinnern können und darum von der Erinnerungspolizei verfolgt werden. Ogawas Antriebskraft ist, wie sie selbst sagt, das Paradox zwischen Grenze und grenzenloser Freiheit. Uns ist ihr Auftreten nicht nur eine Freude, sondern auch eine große Ehre.


HDH

 



Bücher: «Insel der verlorenen Erinnerung» Roman 2020; «Augenblicke in Bernstein» Roman 2019; «Zärtliche Klagen» Roman 2017; «Herr der kleinen Vögel»; «Das Geheimnis der Eulerschen Formel» Roman 2012, alle Liebeskind Verlag und aus dem Japanischen von Sabine Mangold; «Liebe am Papierrand» Roman 2004; «Schwimmbad im Regen» Erzählungen 2003; «Hotel Iris» Roman 2001, alle Liebeskind Verlag und aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.


Raffaella Romagnolo

Raffaella Romagnolo © maurice-haas-diogenes-verlag
Raffaella Romagnolo © maurice-haas-diogenes-verlag

Lebt in Rocca Grimalda, Italien


 

Coming-of-Age-Romane können auf zahl­-
­reiche Fans zählen. Die bekanntesten unter ihnen, Salingers «Fänger im Roggen», «Aus dem Leben eines Tauge­nichts» oder «Harry Potter» haben sich an die Spitze der Weltliteratur katapultiert. Raffaella Romagnolo hat sich bereits mit ihrem Roman «Bella Ciao», der begeistert gefeiert wurde (und das nicht nur von den Leser*innen der Ferrante-Romane), im deutschsprachigen Raum einen Namen gemacht. In ihrem aktuellen Titel «Dieses ganze Leben» plagt sich die 16-jährige Paola mit dem Erwachsenwerden und, in ihrem speziellen Fall, mit der Fettfrage. Die Oberschenkel sind zu dick, die Haut zu fettig: «Ich bin hässlich. Das ist die Wahrheit, die schlichte, unzweifelhafte Wahrheit. Natürlich habe ich auch gute Seiten: Zum Beispiel bin ich nicht feige, ich suche keine Ausflüchte, ich kann der Wirklichkeit ins Auge sehen. Und die Wirklichkeit ist, dass ich hässlich bin. Ein Scheusal. Einfach grauenhaft. Und zwar absolut gesehen, nicht bloß im Vergleich zu den Mädchen, die ich kenne.» Es ist wirklich unübersehbar, Paola ist vor allem eines: ehrlich. Unglaublich ehrlich.


Mit ihrer wunderbaren Protagonistin und ohne die üblichen Klischees, dafür mit überraschenden Wendungen und einem Familiengeheimnis, überzeugt Raffaella Romagnolo auch mit ihrem zweiten ins Deutsche übersetzten und für den Premio Strega nominierten Roman und wir sagen: Un caloroso benve­nuto – herzlich willkommen auf der digitalen Sprachsalzbühne 2021.


UW

 



Bücher: «Wie man einen Bestseller schreibt» Essay 2021; «Dieses ganze Leben» Roman 2020; «Bella Ciao» Roman 2019, alle übersetzt von Maja Pflug und erschienen im Diogenes Verlag Zürich.


www.raffaellaromagnolo.it


Ariela Sarbacher

Ariela Sarbacher © janine guldener
Ariela Sarbacher © janine guldener

Lebt in Zürich

 

Ligurien und die Schweiz. Tochter und Mutter. Lebensentscheidungen. Und Lebens­hemmnisse. Fehler und Auf­brüche. Dazu: der Tod. In «Der Sommer im Garten meiner Mutter» erzählt Ariela Sarbacher von all dem, gespiegelt in der wechselseitig-kon­trären Lebensgeschichte von Mutter, einst aus dem ligurischen Chiavari der Liebe halber nach Zürich übersiedelt, und Tochter. Schnell und ausgelassen oszilliert Sarbachers Debüt zwischen Ereignissen, Erinnerungen und Jahrzehnten. Am Ende schließen sich Lebens- und Erzähl-Kreis, vor Chiavari am Mittel­meer. «Ihre pulverisierten Knochen sind schön. Eine schmerz­lose Gesamtheit, im Tod eine gesammelte Einheit. In ihrem Leben eine schmerzvolle Angelegenheit. Wir schütten sie aus. Trotz ihrer Abwesenheit fühlen wir uns nicht allein. Ihr Wunsch gleitet durch uns ins Meer hinein.»


So verwundert es auch nicht, dass Ariela Sarbacher mit als erste eine literarisch sensible, eindringliche Auseinandersetzung über die Corona-Zeit vorgelegt hat. In einem halb öffentlichen, halb privaten Tagebuch reflektiert sie bezaubernd erfrischend, ehrlich staunend, auch erschreckt und manchmal sogar (ein wenig) glücklich über die ersten Monate der Pandemie und den Wandel der Welt.


AK



Bücher: «Der gebremste, der bewegte Frühling, und jetzt ist es Sommer. Ein Tagebuch» 2020 Telegramme Verlag; «Der Sommer im Garten meiner Mutter» 2020 Bilger Verlag.


Ayelet Waldman

Ayelet Waldman© Deborah Copaken
Ayelet Waldman© Deborah Copaken

Lebt in Berkeley Kalifornien, USA

 

Nicht jede Autorin schafft das Kunst­stück, zur so populären wie einfluss­reichen Show Oprah Winfreys, die gerne Bücher empfiehlt und so zu Bestsellern macht, eingeladen zu werden – und dann wird sie noch um ein Haar von einer wütenden Dame attackiert und fast beim Schlafittchen gepackt. Und das nur weil Ayelet Waldman als mehrfache Mutter über das Muttersein Worte fand, die so gar nicht hochheilig waren.

Schaut man sich das literarische Werk der Harvard-Juristin und Unidozentin an, die mit ihrem Ehemann Michael Chabon in einem reizenden Haus in Berkeley wohnt, dann gibt es noch mehr Überraschungen: ein Sachbuch über die Entscheidung, sanft narkotisiert durchs Leben zu gehen und so Stimmungs­schwankungen und Depressionen zu reduzieren, ein auf­rütteln­des Lesebuch über Israel und Palästina, ein eindringlicher Roman über Raubkunst und den Kampf um Restitution, ein Roman über zwei Familien und ein Dorf, berückend amüsant-witzige mystery novels («The Big Nap», «Bye-Bye, Black Sheep») und überdies Idee, Federführung und Produktion einer True Crime-TV-Serie für Netflix mit Toni Collette in der Hauptrolle. Unglaublich, kann man da nur sagen – hieße die Serie nicht schon so, «Unbelievable».
 

 AK

 



Bücher: «Ein richtig guter Tag. Wie Microdosing meine Stimmung, meine Ehe und mein Leben rettete» Sachbuch 2018 btb Verlag; «Oliven und Asche. Schriftstellerinnen und Schriftsteller berichten über die israelische Besatzung in Palästina» (Hrsg.) 2017 Kiepenheuer & Witsch; «Die späte Reue des Jack Wiseman» Roman 2015 Zsolnay, übersetzt von Brigitte Hilzensauer; «Böse Mütter. Meine mütterlichen Sünden, großen und kleinen Katastrophen und Momente des Glücks» Sachbuch 2010 Klett-Cotta; «Red Hook Road» 2010; «Love and Other Impossible Pursuits» 2006, beide Doubleday.


Kinderprogramm – Sprachsalz Mini

Mehr zum Kinderprogrammm hier:

Cally Stronk &
 Christian Friedrich

Stronk&Friedrich©  Christian Friedrich
Stronk&Friedrich© Christian Friedrich

Lesung für Kinder ab 10 Jahren



Zuerst wollte Cally Stronk Schau­spielerin werden, dann aber wurde sie erst einmal Musikerin und nach ihrem Studium und vielen verschiedenen Jobs veröffentlichte sie 2011 ihr erstes Kinder­buch «Hatschi». Ihre Kinderbuchreihen «Giraffenaffen», «Die Mafflies» und «Leonie Looping» sind in den Regalen vieler Kinder­zimmer zu finden. Cally schreibt lyrische Sachbücher, Bilder­bücher, Abenteuergeschichten, Rätsel und ihre Bücher sind so lebendig und lustig wie ihre Autorin. 
Mit ihrem Mann, dem Kulturwissenschaftler und Autor Christian Friedrich, hat sie den spannenden Escape-Krimi «??? und der verrückte Professor. Ein Auftrag. Ein Rätsel. Deine Mission» geschrieben. Da erhält doch tatsächlich ein verwirrter Professor einen seltsamen Brief – und zwar von sich selbst! Hat er den Brief tatsächlich selbst geschrieben? Und wenn nicht: Wer steckt dahinter? Auf diese Spurensuche machen sich Cally und Christian für Kinder ab 10 Jahren bei Sprachsalz Mini Digital. 


UW








 

Bücher: «??? und der verrückte Professor. Ein Auftrag. Ein Rätsel. Deine Mission» Escape-­
Krimi für Kinder 2020, Franckh Kosmos Verlag Stuttgart; «Kalle Cool und die Sache mit der Freundschaft» Kinder­buch 2020, Coppenrath Verlag Münster; «Un­heim­lich peinlich – das Tage­buch der Ruby Black» Jugendbuch 2020 illustriert von Constanze von Kitzing, dtv Verlag München; «1-2-3-Minutengeschichten. Kunterbunte Weih­nach­ten» Zusammen mit Christian Friedrich 2018, Ravensburger Verlag Ravens­burg.


http://callystronk.blogspot.com/ 


Andrea Karimé

Andrea Karimé ©  dm
Andrea Karimé © dm

Lesung für Kinder ab 6 Jahren



 

Sich Geschichten ausdenken und Wörter neu erfinden, das gehört zu den Lieb­lings­­beschäftigungen von Andrea Karimé. «Wenn ich auf meinen Gymnasiallehrer ge­hört hätte, wäre das Schreiben ver­mut­lich aus meinem Leben verschwunden. Aber die Liebe zum Wort war stärker. Aufgewachsen bin ich in Kassel, in un­­serer Wohnung klang es geheimnisvoll nach Wörtern und Sprachen. Da war das Libanesisch meines Vaters, das Nord­hessische meiner Großmutter, das Französisch von Freunden. Der Gesang meiner Mutter und Tan­ten. Mein Vater sprach ein Deutsch voller Wunder mit mir, und des­halb vielleicht sind
Deutsch und Poetisch meine Eltern­sprachen.»
Und so denkt sie sich seit 15 Jahren Geschichten für Kinder aus, deren Hintergrund auch immer die Mehrsprachigkeit und das Leben mit und zwischen den Kulturen ist. Für ihre Bücher hat Andrea Karimé viele Auszeichnungen und Preise erhalten, u. a. den Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis.


Andrea Karimé wird für Kinder ab 6 Jahren aus ihrem nagel­neuen Buch «Das schönste Zimmer in meinem Kopf» lesen.
 UW











 

Bücher: «Das schönste Zimmer in meinem Kopf» Kinderbuch 2021, Elif Verlag Nettetal; «Sterne im Kopf und ein unglaublicher Plan» Kinderbuch 2021, Peter Hammer Verlag Wuppertal; «Antennen­kind» Kinderbuch 2021; «Samba, Schwein und das Geheimnis der Mühle» Kinderbuch 2018, beide Picus Verlag Wien.


https://andreakarime.de